Beifang vom 22.04.2017

Bei Read on gibt es Erscheinungen. Es gibt so Tage.

Bei Novemberregen kann man nachlesen, wie das Denken vom Leben abhält, bzw. vom richtigen Bus.

Über Finnland, das Schweigen und die Eigenzeit. Eigenzeit ist ein schönes Wort, das hätte ich gerne auf ein Kissen gestickt.

Cem freut sich, dass seine Söhne nicht ins Büro wollen und ich glaube, ich würde mich darüber auch freuen, was natürlich tief blicken lässt, schon klar. Aber das hat bei uns alles noch Zeit. Hier wurde mir gerade der Berufswunsch U-Bahn-Fahrer genannt, mit einer wirklich überzeugenden Begründung, die entweder von Intelligenz oder schwach ausgeprägtem Ehrgeiz oder von beidem kündet, warum auch nicht: “Da sitzt man den ganzen Tag so gechillt da und muss nur zwei Knöpfe drücken.”

Die besten Ideen kommen einem beim Schreiben, nicht beim Nachdenken. Stimmt natürlich, vergisst man aber leicht. Manche vergessen es auch täglich. Ähem.

Für die GLS Bank habe ich hier fünf ziemlich verrückte Links zum Wochenende zusammengestellt.

Und hier noch ein verrücktes Musikstück. Holly Cole mit Little Boy Blue.

Hier eine schöne, interessante und treffende Überschrift

Ich mache mit Sohn I Deutsch, da er in dieser Woche nicht in die Schule gehen konnte, es muss aber dennoch etwas gelernt werden. Er sitzt neben mir und schreibt mit Bleistift in sein Heft. Ich sehe, dass sie in der dritten Klasse schon am Schreibstil arbeiten. Sie sollen passende Überschriften finden. Sie sollen nicht jeden Satz gleich anfangen, sie sollen zumindest ab und zu Satzzeichen verwenden, sie sollen Adjektive einbauen und unbekannte Wörter nachschlagen. Der Pirat vergräbt einen Schatz, der Pirat vergräbt einen wertvollen Schatz. Einen kostbaren, goldenen, großen, riesigen, tollen Schatz, was auch immer. “Ich habe ein Theaterstück gesehen.” “Ich habe ein interessantes Theaterstück gesehen.”

Das Wort interessant hätte mir ein gewisser Lehrer auf dem Gymnasium damals als Ausdrucksfehler angemerkt, sinnloses Fremdwort. “Was war denn interessant an dem Theaterstück? Haben Sie dabei vielleicht etwas gelernt, was Ihnen übrigens kaum schaden könnte? Dann war es lehrreich! Nicht interessant! Sprachfaulheit ist das! Denken Sie nach, denken Sie länger nach! Dann erst schreiben!“ Das klingt heute wie etwas aus der Feuerzangenbowle, das war aber so. Derselbe Lehrer im Geschichtsunterricht: “Sie wissen nichts von Demokratie, junger Mann, Sie faseln doch nur davon!” Aus heutiger Sicht wird dieser Satz mit jedem Jahr immer, äh, interessanter.

Die Aufforderung, Adjektive irgendwo einzubauen, ist natürlich seltsam, wenn man schon einmal ein Manuskript irgendwo eingereicht hat, aus dem dann etliche Adjektiv rausgeflogen sind. Zu blumig! Schlichter! “Es war eine dunkle und stürmische Nacht.”

Und ich sagte, er sagte, sie sagte, wir sagten. Im Deutschunterricht muss das gewandelt werden, das ist so zu langweilig, ich flüsterte, er murmelte, sie flehte, wir stellten fest und so weiter, mit beiden Händen in den Wortschatz und dann ordentlich herumwühlen. Alle modernen Romanautoren murmeln währenddessen im warnenden Chor: “Sagte, sagte, sagte.”

Aber schon richtig, erst einbauen, dann ausbauen, man bastelt so am Text herum. Mal klingt es so, mal klingt es so. Welcher Text klingt besser und warum? Lies nochmal vor. Was will man überhaupt sagen? Wie war es denn nun wirklich im Theater, worauf kam es an? Für wen schreiben wir überhaupt? Ich bin sicher, das haben wir in der dritten Klasse noch nicht so gemacht. Und ich finde es hervorragend, wie sie das heute angehen, es ist anders als bei uns, die Kinder werden mehr zum Denken verleitet. Wir haben damals in Deutsch Nacherzählungen geübt, man bekam eine 1, wenn der eigene Text genau der vorgelesen Geschichte entsprach. Einmal sollten wir uns dann doch eine Geschichte ausdenken, irgendwas, ganz ohne Vorlage. Da stand bei mir in roter Schrift drunter: “Zu viel Phantasie”. Kein Scherz. Im Grunde bin ich heute noch deswegen beleidigt.

“Papa, jetzt tippe ich meinen Text eben in Word ab, okay?”

“Nanu, warum das denn noch?”

“Hallo? Da hab ich dann doch die Rechtschreibkorrektur?”

Doch, sie lernen heute wirklich ziemlich anders. Ich finde das ja spannend.

Lamm und Skorpion

Tiere spielen in diesem Blog eher keine Rolle. Weder haben wir Tiere, noch ist in dieser Familie jemand in übertriebener Weise Fan irgendeiner Art.

Aber auch in tierfreien Wohnungen kommen Nachrichtenlagen vor, die Tiere thematisieren, in den letzten Tagen sogar gleich doppelt, siehe Überschrift. Der Skorpion befand sich hier um die Ecke in einem Hotelzimmer, genauer in einem dort abgestellten Damenschuh. Als die Besitzerin ihn morgens anziehen wollte, stach das Tier zu. Es war übrigens ein hochgiftiges Exemplar, die Dame kam in ein Krankenhaus, hat aber überlebt. Warum Skorpione Damenschuhe als Ersatzhöhle in unserem kleinen Bahnhofsviertel besiedeln, blieb dabei völlig unklar. Die Polizei fand dazu nichts heraus, den Klimawandel hat man diesmal bisher nicht im Verdacht. Interessant aber, dass der Skorpion in allen Hamburger Medien ausdrücklich in Schutz genommen wurde. In jedem Bericht wurde erläutert, dass er sich in einer eindeutigen Notwehrsituation befunden hat. Wenn jemand plötzlich mit vollem Gewicht auf einen draufsteigt, dann wehrt man sich eben. Da ist so ein Skorpion auch nur ein Mensch, Astrologen verstehen das sofort. Volles Verständnis allenthalben für das Tier also, es wurde auch nachträglich noch mit großer Zufriedenheit gemeldet, dass er glücklich und in Rekordzeit an einen neuen Besitzer vermittelt werden konnte. Es ist eben wirklich ein toleranter Stadtteil, unser kleines Bahnhofsviertel. Skorpione sind hier fremd, aber wenn sie schon einmal da sind, dann werden sie auch anständig behandelt.

Das Lamm dagegen kam im Polizeibericht Nordfriesland vor, wobei man zunächst fragen könnte, warum ich den Polizeibericht Nordfriesland überhaupt lese? Nun, zur Beruhigung natürlich. Da oben blockieren ab und zu Schafherden Züge der Regionalbahn, so etwas wird dann lang und breit gemeldet. Ich lese das ausgesprochen gerne, das hat auf mich so einen wohlig-entspannenden Landlust-Effekt, das mag ich. Oder jemand gerät am Stadtrand von Husum in eine Polizeikontrolle und hat dabei ein lebendes Lamm im Kofferraum. Das kostet 50 Euro und einen Punkt in Flensburg, um das als Warnung gleich noch erwähnt zu haben. Der Herr war, man sollte auch bei dieser Meldung um Gerechtigkeit bemüht sein, Bauer, und er fuhr das Lamm zum Tierarzt. In seinem Golf. Ich nehme an, der Kofferraum war da aus Gründen der Schafanatomie schlicht praktischer als der Beifahrersitz. Und ich nehme weiter an, dass der Fall eilig war und besser geeignete Transportmittel gerade nicht verfügbar waren, vermutlich war die Frau des Bauern mit dem Trecker zum Güllen auf dem Acker. So etwas in der Art, man muss ja nicht einmal besonders phantasiebegabt sein, um hier auf naheliegende Erklärungen zu kommen. Und dafür wird der Mann nun bestraft, ist das gerecht? Das ist Husum, das ist die klare nordfriesische Kante. Das Leben ist hart an der Küste. So spiegeln sich auch in Meldungen über Tiere die Charakteristika der verschiedenen Regionen, ist das nicht schön? Es ist.

Wie auch immer. Morgen wieder was mit Menschen.

Beifang vom 19.04.2017

Drüben bei der GLS Bank habe ich fünf Links zum Thema Architektur, ich weise besonders auf den Text zum Rasen ums Eigenheim hin. Ich mag solche Erklärungen.

Eine kleine Meldung nur, Frank Dostal ist gestorben. Den Namen hätte ich nicht parat gehabt, Sie vermutlich auch nicht. Er war u.a. der Texter von Baccara. Was mich daran erinnert, wie wir Kinder damals, etwa Ende der 70er, in den immer blau verräucherten und sowieso nie gelüfteten Kneipen, in denen die Erwachsenen Korn und Bier wegkippten, Skat spielten und würfelten, an den Tischen und an der Bar um Markstücke gebettelt haben. Mit Markstücken konnte man an der Jukebox fünf Lieder auswählen. Dann wurde der Raum, in dem es bis dahin sterbenslangweilig war, in dem man immer nur wartete, dass die Eltern endlich gehen wollten, plötzlich überraschend laut und basslastig beschallt, dann war auf einmal Disco, manchmal sogar mit spontan tanzenden Erwachsenen. Und wenn man auch ein langsames Stück ausgesucht hatte, dann fielen die sich beim Tanzen in mitunter überraschenden Konstellationen um den Hals, ein paar Minuten lang. Nach dem letzten Stück wurde es dann schlagartig wieder ruhig, Umklammerungen lösten sich, alle setzten sich wieder hin. Man bestellte allgemein erst einmal noch einen, dann gab es eine Weile nur noch Gespräche, Gelächter und die Geräusche von Flaschen und Gläsern, dann rauchte man wieder eine. Bis jemand doch noch ein paar Münzen hervorkramte und sie einem gelangweilten Kind zuwarf, hier, mach nochmal was von Boney M oder Baccara oder so. Wenn man bei der Auswahl an der Jukebox versehentlich auf die falschen Tasten drückte, kam irgendein Schrott von Peter Alexander, “Die kleine Kneipe in unserer Straße”, das war schlimm. Für die paar Münzen hätten wir übrigens auch mehrere Handvoll Erdnüsse aus dem kugeligen Automaten auf dem Tresen oder sogar einige Runden am Flipper in der hintersten Ecke der Kaschemme bekommen. Wenn man das bedenkt, dann versteht man erst, wie wichtig die Musik war. Wir haben damals eben früh gelernt, wirklich schwere Entscheidungen im Leben zu treffen.

Na, egal, das ist alles lange her. Plötzlich Lust auf Erdnüsse. Schlimm.

Osterspaziergang 2017

Die Söhne haben Inline-Skates zu Ostern bekommen, die waren lange überfällig, die alten Exemplare taugten seit Monaten nichts mehr. Mit neuen Inline-Skates muss man natürlich auch fahren. Die Sonne scheint, obwohl am Himmel schwarze Wolkengebirge in einer Geschwindigkeit verschoben werden, die man sonst nur von der Nordsee kennt. Aber wir haben Glück, wir fahren unter Wolkenlücken über nordostwestfälische Straßen. Links und rechts von uns regnet es auf den Feldern am Horizont, hinten regnet es, vorne regnet es, nein, es kübelt. Wir aber fahren durch strahlenden Sonnenschein und unter einem schmalen Streifen tiefblauen Himmels, der nasse Asphalt glitzert diamanten, die Apfelbäume am Straßenrand blühen blendend weiß, die Birnbäume dazwischen auch. Die Birken beblättern sich gerade in diesen Stunden maigrün, man kann förmlich zusehen, wie alles im Vorbeifahren immer grüner wird. Wir fahren durch knallige Farben, wir fahren zwischen den Schauern durch ein jähes österliches Leuchten. Und durch Eiseskälte, das auch.

Die Söhne fahren auf ihren Inline-Skates, ich fahre auf Schwiegermutters Fahrrad. Als die Söhne nach ein paar Kilometern – immerhin! – nicht mehr können, hängen sie sich hinten an das Fahrrad, erst Sohn I, dann Sohn II, der sich an den Bruder krallt. So ducken wir uns gegen den Nordwind und fahren als Zug Schlangenlinien über die Landstraße, weil Schlangenlinien Spaß machen und weil überall Schlaglöcher sind. Der Regen kommt von hinten näher und ich fahre ein wenig schneller, so schnell wie es eben geht, wenn zwei Kinder auf Inline-Skates an einem hängen. Sohn I I fällt auf, dass wir dabei alle drei die gleiche Haltung haben, diese unter dem Wind weggebückte Krümmung. Und er schreit von hinten, dass wir jetzt gerade wie die Entwicklungsstufen eines Pokémons aussehen, mit mir als stärkstem Exemplar. “Ist das gut?” frage ich keuchend beim Strampeln, weil ich mich mit Pokémons nicht richtig auskenne, aber ich kann die Antwort nicht hören, sie wird vom immer weiter auffrischenden und auch drehenden Wind plötzlich ostwärts verweht. Ich nehme einfach an, es ist gut: Papa ist am stärksten entwickelt.

Natürlich ist das gut, das hört man doch.

Beifang vom 16.04.2017

Im Landlebenblog geht es um den Geruch der Heimat. Mir fällt zu meiner Heimat Lübeck gar kein Stadtgeruch ein, vielleicht abgesehen vom dicken Zuckermandelduft im Verkaufsraum bei Niederegger und vom kühlen Moderhauch in den großen Kirchen, Backsteingotikaroma. Sonst verbinde ich Gerüche eher mit Travemünde, wo ich später gewohnt habe. Verrottender Tang und faulende Muscheln, das klingt nicht schön, aber das riecht wie Heimat, also gut. So riecht es auch nicht überall am Meer, wie man vielleicht meinen könnte. Die Nordsee etwa riecht ganz anders, da liegt so etwas wie Tang einfach nicht lange genug herum, durch dieses ewig unruhige Hin und Her dort.

Hier geht es um das Kochen für Sterbende.

Und hier um tote Kaninchen.

Herr Spiegel denkt wieder auf nicht witzigen Tweets herum.

Eine Kritik an der Performance von Theatern auf Instagram. Kritik an Verlagen könnte man da zwanglos anschließen. Man postet ein Cover und sagt: “Kommt im April”, dazu die Superlative vom Klappentext. Na toll. Ich würde mich über viel mehr Projekte wie den Resonanzboden freuen, da finden auch Inhalte statt. Man will doch lesen, wenn man sich für Verlage interessiert. 

Hier wird an die Legende vom heiligen Trinker erinnert, ein in der Tat wunderbares Buch von Joseph Roth. Schöne Osterlektüre auch.

Nach dem Ende eines Trinkers das Ende eines alten Hippies, wir lesen hier von einer ungewöhnlichen Beerdigung. Mit feiner Musik.

Ansonsten höre ich mich gerade in chronologischer Reihenfolge durch die Alben von Leonard Cohen (ohne die Live-Auftritte), während das Wetter in Nordostwestfalen immer schlechter wird. Und ja, ich kann das ab, niemand muss sich Sorgen machen. Es sind schöne Wiederentdeckungen dabei.

Bemerknisse in Nordostwestfalen

Hartum ist ein kleiner Ort in Nordostwestfalen, er gehört zur Gemeinde Hille, in der das Große Toorfmoor liegt und in der ich im Vorbeifahren ein Werbeschild mit dem Slogan “Moor and More” gesehen habe. Da gibt es einen Supermarkt, in dem auf einem Verkaufsstand kurz vor der Kasse “Zollstöcke für Frauen”, geschlechtsneutrale Akkuschrauber und andere kleine Produkte aus der Baumarktecke ausliegen. Direkt daneben findet man einen Drehständer mit Wolle und Stricknadeln, die Knäuel sind vorwiegend vielfarbig bunt gehalten.

Wenn man den suchend dreht, wie es eine ältere Dame gerade machte, als wir an der Kasse anstanden, dann quietscht er. Und er quietscht nicht nur irgendwie, er quietscht in erstaunlicher Präzision die ersten Töne eines bekannten Soundtracks. So deutlich quietscht er genau diese Melodie, dass die Herzdame und ich uns zueinander umdrehten und genau gleichzeitig sagten: “Spiel mir das Lied vom Tod.” Ratlose Blicke der Söhne.

Am Kaffeeausschank neben dem Brötchenstand hinter der Kasse saßen währenddessen sechs ältere Männer, die alle gleich aussahen und gleich schlechtgelaunt guckten. Sie saßen da, als hätten sie Zeit. Viel Zeit.

So war das in Hartum.

Beifang vom 13.04.2017

Peter Bichsel über das Alter, über sich und die Weisheit.  “Ich halte mich für schwer überschätzt. Wirklich. Ein guter Teil meiner Prominenz ist Cervelat-Prominenz wie jede andere auch.”

“Italienischer Schauspieler tritt vor leerem Theater auf” – eigentlich auch ein schöner Stoff für eine Erzählung. Ich habe  ja gerade keine Zeit für die Schreiberei, aber mir fällt sofort ein Schauspieler als Hauptfigur ein, den ich für den Stoff nehmen würde. Na gut, ich habe etwa eine  Stunde, ich hämmere jetzt also fix den Rohbau der Geschichte zusammen, ohne jede Absicht, sie tatsächlich jemals zu schreiben. So viel Spaß muss sein, so eine nette Vorlage sieht man ja nicht jeden Tag und das ist auch so ein Langzeitvorhaben, das ich seit Ewigkeiten umsetzen möchte: Wenigstens einmal aus einer  Zeitungsmeldung eine Geschichte machen. Und wenn man ein Blog hat, kann man so einen Plan doch auch mit unfertigen, bestenfalls halbgaren Skizzen umsetzen. Sportliches Schreiben also, noch 55 Minuten. Ich hatte mich gerade schon im ersten Absatz verzettelt, das kostet Zeit, jetzt aber los, geradeaus durch.

Ich finde es einfacher, beim Schreiben von der Wirklichkeit auszugehen und dann irgendwo zwanglos abzudriften, die reine Fiktion liegt mir nicht. Ich habe gerne Bezugspunkte, die dürfen dann langsam verblassen und interessieren irgendwann überhaupt nicht mehr, aber als Starthilfe nehme ich gerne etwas aus der Nähe. Und diese spezielle Geschichte hier muss natürlich nicht in Italien spielen, mit Italien kenne ich mich nicht genug aus, das wäre mir zu schwierig. Bei mir ist so etwas dann in Deutschland, ich mag es simpel, sagen wir also gleich Norddeutschland. Zumal Italien für den Inhalt der Geschichte keine Rolle spielt, die könnte auch auf Grönland oder in Florida spielen.

Der Schauspieler, der mir passend erscheint, wohnt hier zumindest zeitweise irgendwo um die Ecke. Ich kenne ihn nicht näher, ich habe ihn auch nie auf der Bühne gesehen, ich brauche nur leihweise seine Erscheinung. Sein Name ist vollkommen egal, er fällt mir ohnehin gerade nicht ein. Er ist Theaterschauspieler, im Film ist er selten oder sogar nie, ich weiß auch das nicht genau. Ein gestandener Schauspieler jedenfalls, viele große Hauptrollen, alles gehabt, vermutlich ist er auf den großen Bühnen sehr gefragt. Er läuft hier oft durch die Straßen oder an der Alster entlang und lernt Rollen, wobei er immer wieder kurz stehen bleibt, in ein Notizbuch oder ein Textheft sieht und dann wieder tonlos murmelnd weitergeht. Er murmelt ohne jede Mimik, das stellt man sich als Laie vielleicht zunächst anders vor. Aber die Augenbrauen, die Mundwinkel, die machen nicht mit, oder doch nur insofern, als sie beim Sprechen eben unweigerlich etwas mitbewegt werden. Er gestikuliert auch nicht herum, er tänzelt nicht, er geht weder besonders schnell noch besonders langsam, er geht einfach und lernt. Sein Haar ist grau, aber er ist kein Greis, nicht jung, nicht alt, ein Mann in den ganz dezent überschrittenen besten Jahren vielleicht. Einige würden das dann doch als alt bezeichnen, schon klar. Er hat eine auffallend gerade Haltung und ist manchmal auch etwas edler gewandet, Anzug mit Einstecktuch und dergleichen, ein würdevolles Erscheinungsbild. Er hat einen etwas stabileren Körperbau, ohne dabei auch nur ansatzweise ins Dickliche zu gehen. Er ist eher der Typ arrivierter Hofschauspieler, den man in einem Text von Schnitzler erwarten würde, er ist kein wilder Mann aus dem Regietheater, der irgendwo von der Bühne strullt. Aber das sind Äußerlichkeiten, wer weiß. Na, wir sind in einer Geschichte, also wissen alle. Das Klischee wird durchgezogen oder volle Lotte gebrochen, die Chancen stehen exakt 50:50.

Dieser Schauspieler jedenfalls hat ein Engagement in einer norddeutschen Kleinstadt, in einer kleineren Kleinstadt genau genommen. Sie hat keinen bekannten Namen, keine schöne Altstadt, gar nichts. Es gibt sie einfach nur, man hat schon einmal von ihr gehört, man ist da mal vorbeigefahren. In einer so kleinen Stadt also, dass sie etwas unter seiner Würde ist, aber es gibt wohl Gründe, dort aufzutreten. Obwohl es nicht einmal ein richtiges Theater gibt, nur so einen Mehrzweckkulturbau in norddeutsch üblicher Kreissparkassenhässlichkeit, in dem es auch einen Bühnensaal gibt, ab und zu reisen Ensembles durch, meistens mit Komödien. Warum tritt er da auf? Alte Beziehungen, alte Schulden, die Tilgung eines Gefallens, irgendetwas hat ihn angetrieben, trotz allem dort aufzutreten, so etwas in der Art. Verbindungen zum Landrat, eine private Bitte des Hamburger Kultursenators? Das muss nicht einmal ganz klar werden, Andeutungen reichen.

Ein Monologstück in einem Kaff also, das steht schon an sich unter keinem guten Stern, dann braucht es nur noch eine Erklärung, warum auch sonst keiner kommt, nicht einmal die zahlenden Mitglieder des Kulturvereins oder der Pastor oder die Bürgermeisterin mit Anhang. Da leihe ich mir einen Vorfall aus, den mir ein Romanschriftsteller gerade erzählt hat. Der hat in einer norddeutschen Kleinstadt der schmucklosen Art aus seinem Buch gelesen, allerdings hat die Lokalzeitung den Termin falsch gedruckt, eine Wocher später oder so, und das war es dann. Da kommen natürlich nur noch die paar Spezialexperten, die solche Termine von den zwei Plakaten im Ort in ihren Taschenkalender abschreiben, und viele sind das nicht.

Der Schauspieler fährt also in diese ganz kleine Stadt, er hat da zugesagt, er hat den Text gelernt, er fragt sich nicht einmal, ob er Lust dazu hat, dort zu spielen. Er spielt, wenn er spielen muss, Ehrensache. Und bei einem Solostück stellen sich eh keine Fragen, das macht man eben. Wenn weiter oben genug betont wurde, wie der Herr sich anzieht, dann klingt es umso logischer, dass er eine besondere Affinität zum Pflichtgefühl hat, immer schon gehabt hat. Es ist, wer weiß, sogar so, dass seine Kunst überhaupt nur aus Pflicht entsteht. Hier dann einen Dialog mit dem Typen einbauen, dem er etwas schuldet, was auch immer, es wird am Ende um eine Liebesgeschichte gehen, das ist ja immer gut, naheliegend und sinnig – und dunkel dräut auch dabei eine Verbindung zum Pflichtgefühl.

Dann die Nachricht, dass niemand kommt, nur die junge Regieassistentin, und die kennt das Stück schon bis zum Brechreiz. In dem ganzen hässlichen  Kulturzweckbau ist kein Mensch, leere Gänge, leere Konferenzräume, die Bedienung in der Caféteria macht auch gerade Feierabend, was soll’s, keine Gäste, keine Bedienung. Wollen sie nicht vielleicht das Stück sehen, die jungen Leute? Umsonst? Nein, das wollen sie nicht, sie wirken sogar etwas entgeistert ob der Frage. Warum sollte man das denn sehen wollen?

Und dann macht er es dennoch, der Herr Schauspieler, jetzt Pflichtgefühl durch und durch. Ein wenig auch vom Gedanken beflügelt, seine Kunst nur für sich zu haben, ohne Empfänger zu senden, nur Instrument zu sein, ohne jede Wirkung. Denn die Regieassistentin, sie zählt nicht. Da steigert er sich natürlich rein, in diese Vorstellung, ganz allein im Raum zu sein und ihn dennoch stundenlang mit Kunst zu füllen. Je mehr er darüber nachdenkt, desto entschlossener ist er, die beste Vorführung zu absolvieren, die er jemals irgendwo hingelegt hat. Es gibt in jeder Karriere einen Höhepunkt der Leistungsfähigkeit, und seiner ist, das fühlt er jetzt,  genau an diesem Tag, in diesem Kaff, vor komplett leerem Haus. Und hinterher dann in die Zeitung mit der Story, er ist nicht dumm, daran denkt er natürlich auch, so eine Meldung gibt noch einmal richtig Schub

Nur zwischendurch und nur kurz überlegt er, ob es nicht im Gegenteil der Tiefpunkt seiner Karriere ist, was da gerade passiert. Ob er überhaupt tiefer sinken kann, leeres Haus, hallo? Wie deutlich ist das? Und gab es in letzter Zeit nicht immer weniger Nachfragen, lassen die Rufe nach ihm nicht nach, ist der Applaus nicht endenwollend? (Diese Formulierung dann nicht so verwenden, ist geklaut, mit Gruß an Ephraim Kishon, vielen Dank).

Aber das sind abwegige Gedanken, denen er sich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt in melancholischer Lust und in passenderer Umgebung  gerne hingeben könnte. Etwas Selbstzerfleischung kann schon schön sein! Wie in dem einen Stück da, vor ein paar Jahren im St. Pauli Theater, da hat er das so überzeugend dargestellt, die Zuschauer werden sich hinterher aus Solidarität scharenweise betrunken haben. Aber der Typ ist er eher nicht und heute passt es außerdem nicht, seine Zeit wird langsam knapp. Er murmelt tonlos den Text aus dem Stück und lächelt dabei sogar etwas mehr als sonst, während er am Nachmittag durch die gänzlich uninteressanten Straßen der sehr kleinen Kleinstadt geht, in der ihn niemand erkennt und in der es nichts zu sehen gibt, nur die Schaufenster der Drogeriemärkte und von Ernsting’s Family, aber er hat keine Family.

Er bereitet sich hinter der Bühne wie immer auf seinen Auftritt vor, all die kleinen Rituale in der Garderobe und vor dem Spiegel, er spricht mit abwesenden Kolleginnen und Kollegen, er ist irgendwann wie in Trance. Es ist ein spezieller Abend und er kann es nicht erwarten, dass der Vorhang sich hebt, von der Regieassistentin eigenhändig hochgekurbelt, die hat sich ihren Job auch anders vorgestellt und verflucht diesen selten dämlichen Tag mit jeder Minute mehr. Der Schauspieler empfindet fast wieder so etwas wie Lampenfieber, das kam bei ihm jahrelang nicht vor. Der eine Scheinwerfer geht an, er steht im Licht und sieht in die Leere, für die er jetzt mit einer Leidenschaft spielen wird, die er lange nicht mehr so deutlich gefühlt hat.

Und dann, das ist dann schon die vorletzte oder letzte Seite, sieht der Schauspieler, dass er nicht vor leerem Haus spielt, da ist doch jemand. Die Kassiererin, mit der er am Nachmittag kurz und nur nebenbei gesprochen hat, als sie zu Tode gelangweilt an ihrem Tischchen unten im Saal hinter ihren unverkauften Ticketschnipseln saß, sie sitzt jetzt in der Mitte der ersten Reihe und guckt erwartungsvoll. Eine dieser ehrenamtlich arbeitenden Frauen, die etwas für die Kultur in der Provinz tun. Er guckt unangemessen lange in den Raum und auf die Kassiererin, er sieht die unerwartete Frau an, die diesen Blick natürlich für einen Teil seiner Rolle hält, weil die Menschen im Publikum immer erst einmal alles glauben, ganz egal, was man macht. Der Schauspieler  guckt irgendwie, es wird schon zum Stück gehören.

Nur für sich zu spielen, das wird an diesem Abend also nichts mehr, das wird genau genommen nie mehr etwas, das wird es nicht geben, die reine Kunst findet nicht statt. Er braucht viel zu lange, bis ihm der Anfang des Textes einfällt, er braucht auch lange, um beim Deklamieren nicht mehr der Gelegenheit nachzutrauern, fast schafft er es nicht, sich zusammenzureißen, so trifft ihn dieser überraschende Gast in der ersten Reihe. Er improvisiert auf einmal, wo es gar nicht hingehört, die Regieassistentin staunt. Er ist gut, natürlich ist gut, wenn nicht sehr gut. Er wird sogar immer besser und die Regieassistentin wird nach einer Weile doch noch einmal zur gebannten Zuschauerin. Gemeinsam mit der Kassiererin erklatscht sie am Ende mehrere Verbeugungen vor dem Vorhang, der übrigens nur halb zugefallen ist, da klemmt etwas, seit Jahren schon, das kriegt der Hausmeister einfach nicht geregelt.

Der Mann der Kassiererin fragt sie am späten Abend, wie es war. Sie gibt eine kurze Antwort, während sie auf der Bettkante ihre Schuhe auszieht, es ist nur ein hingeworfener Satz. Ein Satz, der die Leistung des Schauspielers nicht würdigt, der klingt eher nach der Note “befriedigend”. Ein Satz aber auch, der an die Liebesgeschichte von damals anknüpft, mit nur halber Auflösung der Sachverhalte, weil er sie ganz offensichtlich nicht einmal erkannt hat.

Na, so in etwa. Doch, da könnte man eine Geschichte draus machen: “Vor leerem Haus”.

Mehr Zeit ist aber nicht, die Kinder müssen ins Bett, es ist gleich acht Uhr.  

Und dahinter passt natürlich wegen der einen Textzeile nur ein Musikstück. Das gab es hier zwar schon, aber egal. Immer wieder schön.

Beifang vom 12.04.2017

Diese Suppe hier gekocht und für gut befunden. Das Wetter ist ja wieder so, dass man heiße Suppen braucht. Das Mörsern der Gewürze macht keine Mühe, wenn man es einfach komplett den Kindern überlässt. Und wenn man gar keinen Mörser hat und daher erst geeignete Gerätschaften suchen muss, fördert man auch gleich den MacGyver-Faktor im Kind, das ist immer schön und willkommen.

Bester sein. Pia Ziefle mit Gedanken, die mich auch gerade umtreiben.

Bei Smilla geht es um den Mann im Sessel.

Ein Interview mit F.W. Bernstein. Keiner von den Ernstlern.

Nessy hat nach dem Anschlag auf die Dortmunder Mannschaft auswärtige Fans aufgenommen.

Bei der GLS habe ich drei Links gepostet, im ersten geht es um das gerade so sehr strapazierte Wort “hygge”. Mit einer interessanten Geschichte dazu.

Noch ein Schlaflied und dann ist auch fast schon Ostern, da kann man es sich, haha, hyggelig machen. Neil Halstead mit “Full moon rising”.

Was schön war

Eine nur nebenbei beobachtete Szene. Da fuhr ein Mädchen, etwa neun oder zehn Jahre alt, in einem Elektrorollstuhl an mir vorbei, den sie einhändig mit einem Joystick steuerte. Das wäre noch nicht bemerkenswert gewesen, aber an ihrer Seite stand eine Freundin oder eine Schwester auf dem Rollstuhl, in ähnlichem Alter wie die Fahrerin jedenfalls. Hoch aufgerichtet stand sie da, sie hielt sich nur dezent an der Seite des Rollstuhls fest und ich weiß nicht, ob es überhaupt sein kann, aber so, wie ihre Füße da auf dem Wagen standen, sah es aus, als habe man direkt über den Rädern extra Platz für genau zwei Kinderfüße gelassen. Vielleicht war es aber auch bloßer Zufall, dass das Mädchen so perfekt an die Seite passte, sie sah da aus wie eine seltsam verquer angebrachte Galionsfigur. In Kürze wird das vermutlich auch nicht mehr gehen, sie wird bald zu groß für solche Fahrten sein. Die Fahrerin steuerte viele und enge Kurven und die Beifahrerin glich jede Bewegung des Rollstuhls bewundernswert souverän aus. Sie wird da schon oft mitgefahren sein, das sah routiniert aus. Mit einer Hand auf der Hüfte, einer Hand am Rollstuhl, mit hochgerecktem Kinn und äußerst lässigen, kaum sichtbaren Bewegungen, um das Gewicht auszugleichen, wenn es plötzlich wieder links- oder rechtsherum ging.

Die großen Jungs, die auf dem Hamburger Dom beim Autoscooter arbeiten und ab und zu in voller Fahrt hinten auf die Wagen aufspringen, um verwirrte Gäste durch zwei, drei schnelle Drehungen am Lenkrad wieder in die Spur zu bringen, die stehen manchmal genauso auf den kleinen Fahrzeugen. Hoch aufgerichtet, mit cowboybeinigem Stand, sich so festhaltend, dass man es kaum sieht, das war bei dem kleinen Mädchen genau die gleiche Körperhaltung. 

Aber es gab doch einen wichtigen und schönen Unterschied. Denn die Rollstuhlfahrerin und ihre Beifahrerin waren zwei vergnügte Kinder, das stehende Mädchen konnte immer nur zwischendurch mal kurz cool gucken, weil es doch dauernd kichern und mit der Fahrerin herumalbern musste. Die beiden hatten Spaß. Und Spaß kann man den großen Jungs, die auf dem Dom beim Autoscooter arbeiten, nun wirklich niemals ansehen.